
Als eingebildet perfekter super-compliant Patient stell ich nix in Frage, akzeptiere wochenlange Terminverschiebungen und stundenlange Wartezeiten weil asi Privatpatienten sich reindrängeln, folge gehorsam allen Anweisungen des medizinischen Personals und versuche mein Teil beizutragen in Richtung Entertainment der Anwesenden, ohne dabei den Ablauf zu verzögern natürlich. Finde Gefallen daran, untersucht und angepiekst zu werden, in teure, interessante Geräte gesteckt zu werden, auch auf so Fragen wie
Und, hammse durchen Krebs ihren Lebensstil was geändert? fühl ich mich genötigt was zu sagen wie
Ja, ich rauche jetzne andere Zigarettenmarke. Die Leute haben den ganzen Tag mit diesem Mist zu tun, man muss ihnen zeigen dass man ein nettes Kerlchen ist, wenn sie dann mal Zeit haben für ungezwungen zu fragen. Überhaupt mag ich am liebsten AiPler und Assistenzärzte, die komm mit frischem Wissen und Gewissen an und überlegen ihr Tun gut, denn sie müssen Rechenschaft ablegen.

Für mich war und isses am besten mit einer Clockwork Orange- Einstellung da durchzugehen, wie leicht auf Valium, mentales
Wait And See irgendwie. Immer schön die Beine breit machen, ohne allzu devot zu wirken, ohne sich den Spass an der Show allzu sehr anmerken zu lassen:

Gestern letzte Bestrahlungsvorbereitung in der
Charite, Erstellung einer "Maske" im CT-Simulator oder so, und Aufmalen der Markierungen auffem Bauch.
Die Strahlenärztin, "So dann müssten sie jetzt vorher ihren Hoden hier in die
Schutzkapsel rein manövrieren, das wollen sie vielleicht selbst machen."
Ich, "Ok", und wurschtel da nackich auf der Liege des CT an meinen Weichteilen und an den Einstellschrauben dieser aufklappbaren Stahlkugel rum, hier auffem Bild noch mit Hose an natürlich. Mein neuer Freund die Schutzkapsel ist ein hammerschlaglackiertes Vorkriegsmodell, eiskalt im Design und eiskalt in meinem Schritt. Guck ich mich um und die Frau Strahlendoktor und ihre Komplizinnen sind sich einen am abgrinsen angesichts meiner Bemühungen.
Das gibs doch nich denk ich und sag, "Ooch, ich kriegs wirklich nich hin", mach mich lang und verschränk die Arme hinterm Kopf.
Sie
Flapp! Gummihandschuh an und sagt, "ich will Ihnen da nix einklemmen, nicht dass ihnen das andere gute Stück auch noch abhanden kommt."
Ich, "Ja nee, tät auch nix ausmachen, ich hab doch ein teures Konto mit mein wertvollen Genmaterial auf der
Samenbank."
Ach naja, und so weiter, Aufschneiderei, man will sich ja jovial zeigen und einer muss ja den Hirsel machen.
Is that a lump on your
testicle, or are you just happy to see me?

Bei ähnlicher Gelegenheit, wenn jetzt zum Beispiel die Frau Dokter Hausarzt-Urologin da am untersuchen war, dachte ich schon
Ey Alter, jetzt bloss keine Erektion, das wär zwar nur menschlich, aber ein extrem uncooles Szenario. Schnell an Hitler und Göring denken und wie sie voll auf Crack miteinander ficken, das törnt zuverlässig ab.
Während sie mittem Ultraschallgerät zugange ist und auf den Monitor guckt sagt sie Sachen wie, "Ja Herr ninjah, es ist halt auch so dass viele Männer nach dieser Erkrankung, einem Verlust dieser Art, erstmal eine Phase absolut verschärfter Promiskuität durchleben."
Ich, "Äh ich, ääh bei mir... äch bin noch nicht soweit. Ich brauche noch Zeit. Aber naja es ist schonmal wieder passiert, immerhin, es war wie beim ersten Mal, also besser natürlich, nicht optimal, aber so vom Erwartungsdruck her, immerhin hat geklappt."
Dann setzt sie ihr herrlich professionelles
Sie- könn- hier- über- alles- reden- aber- nicht- länger- als- fünf- Minuten - Gesicht auf und ich denke
Hm, hinter dieser steril-weissen Hülle und den Augenringen ist und bleibt sie doch eine sehr attraktive Frau. Diese eine Liebe. Wird nie zu Ende gehen. Wann. Werd. Ich. Sie. Wiedersehen.
Ganz am Anfang, als ich zur OP ins Urban reinkam und in irgendeine Abteilung für irgendeine spezielle Untersuchung geschickt wurde, sass ich im Warteraum gemeinsam mit einem armen, eingefallenen Kerlchen in einem Rollstuhl mit tausend Geräten, der an allen möglichen Schläuchen hing. Einer, der mal ein älterer Herr war mit einem Leben, in dessen freundlichem, grossem Gesicht schon diese Müdigkeit war, der dagegen nicht mehr ankam, und der mich jetzt nur noch schlecht atmend mustern konnte und es dann hinbekam, nach einer Weile langsam mit den Achseln zu zucken. Vom Style her ein bischen wie der alte Papst vielleicht.

Da gab es nichts zu sagen für mich Neuling, der gerade erst die erste Stufe einer jawohl höchstwahrscheinlich gut verlaufenden Krebskarriereleiter erklommen hat, mit der fixen Idee, nochmal 35 Jahre vor mir zu haben. Diese Idee im Kopf so hart wie ein Nierenstein und fest verankert wie eine Knochenschraube. Da gabs nur sich angucken. Mein Blick:
Eigentlich bist du schon weg, mehr Zukunft ist da nicht für dich, aber ich muss dich angucken, du bist schliesslich einer von der eigenen Art. Ist gut dass ich dein Leid und Elend jetzt sehe, das lässt mich besser fühlen.
Sein Blick war wie:
Ja, eigentlich bin ich schon weg, aber mehr konnte niemand tun und dich Hanswurst brauch ich schonmal gar nicht. Warts nur ab du. Trotzdem sind wir jetzt zusammen hier und ich will mich am Anblick deiner dümmlichen Zuversicht und Hoffnungsvollheit laben.